Die Ökologie des Wattenmeeres
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Landgewinnung und Deichbau

Die Besiedlungsgeschichte der Nordseeküste ist geprägt durch den Kampf der Küstenbewohner gegen den Landverlust.
Wie in der Geschichte der Nordsee dargelegt, steigt seit der letzten Eiszeit, historisch-siedlungsgeschichtlich aber vor allem seit dem Mittelalter der Meeresspiegel der Nordsee weiter. Die ersten Siedler wohnten auf erhöhten Geestkernen, die wachsende Bevölkerung auf der eine Seite und überdurchschnittlich heftige Sturmfluten auf der anderen Seite erforderten aber schon bald den Bau künstlicher Wehre.

Die Ausschnitte aus den Karten von Meyer (Abb. 1a+b) zeigen den Landverlust ab dem Mittelalter (auch wenn die historische Qualität der Karten durchaus bezweifelt werden darf). Die Siedler mussten offensichtlich großen Landverlust hinnehmen, und der persönliche und wirtschaftliche Verlust lässt sich gar nicht tragisch genug ansetzen. Es erscheint begreiflich, dass alle Möglichkeiten der Landsicherung ausgeschöpft wurden und durch Landgewinnung der 'gefräßigen Nordsee' möglichst viel Land wieder abgetrotzt werden sollte. Eine Vorstellung vermittelt die Wikipedia über die untergegangene Stadt Rungholt.
Dieser Kampf und Antrieb zur 'Rachenahme' ist bis in die Gegenwart hinein tief in der einheimischen Küstengesellschaft verankert, auch die große Tragödien des 19. und 20. Jahrhunderts erinnern bei manchen wie gestern.
Umso verständlicher erscheint der Widerwille vieler Einheimischer gegen Biologen und Naturschützer, die mit Hilfe der Landespolitik Küstenschutzmaßnahmen seid bestehen des Nationalparks deutlich zurückfahren zugunsten des Ökosystems Wattenmeer.

Küstenschutz heißt auch heute noch vielfach, neues Land zu gewinnen, damit Substanz vorhanden ist, die im Falle eines Falles von der Nordsee abgetragen werden kann - nicht anders verfährt man z.B. bei den großen alljährlichen Sandaufspülungen vor Sylt.
Das Prinzip ist bemerkenswert einfach, da die Nordsee in ruhigen Zeiten das Bestreben hat, Land aufzubauen: Die im Küstenbereich graue Nordsee enthält Schwebstoffe in großer Zahl, die bei ruhigem Wasser zu Boden sinken und im Laufe der Jahre mit Hilfe von Pionierpflanzen (Queller, Schlickgras) das Bodenniveau anheben. Dieser Prozess kann mittels der Anlage von Lahnungen (Abb. 1 c+d) beschleunigt werden.

Abb. 1: a)Karte von Nordfriesland um 1240 (Meyer)  -  b) Karte von Nordfriesland um 1651 (Meyer)  -  c) Lahnungen rund um Südfall  -  d) Lahnungen bei Westerhever (Eiderstedt): Der Zaun im Vordergrund trennt den Deich vom Vorland (Schutzzone 1 des Nationalparks Wattenmeer), dahinter typische Lahnungen: doppelte Holzpfahlreihen mit zwischengebundenen Faschinen (Reisigbündeln)


Die ersten Deiche (vgl. Abb 2a) hatten auf der Seeseite eine Holzpfahlreihe - ein Tribut an eine kleine Grundfläche, um möglichst viel Siedlungsraum zu haben. Allerdings brachte diese Bauweise auch zwei Nachteile mit sich: Man benötigte viel Holz, dass in der überwiegend schilfbestandenen sumpfigen Landschaft nicht wuchs und daher von weiter her gehandelt werden musste, und die Palisaden konnten von stärkeren Wellen leicht unterhöhlt werden - der Deich war dann kurz vor dem Durchbruch.
Im Laufe der Jahrhunderte stieg die Höhe der Deiche längst nicht so sehr wie die benötigte Grundfläche - man sah ein, dass man gegen die Wellen weniger einen Wall als einen künstlichen 'Strand' errichten musste, auf dem sich die Wellen totlaufen können.
Ernsthafte Gefahr droht Deichen vor allem noch durch ein längeres Hochwasser, das die Kleidecke aufweicht, so dass die Brandung Löcher in den Deichfuß frisst (vgl. Abb. 2c) oder durch über die Deichkrone stürzende Wellen, die die Rückseite aufweichen und auskolken, so dass der Deich zusammenbricht. Der durch die Klimaerwärmung bedingte Meeresspiegelanstieg führt zu der Bauform der heutigen, extrem sacht ansteigenden Deiche mit einer breiten Krone: Man erhofft sich in ein paar Jahren vergleichsweise kostengünstig eine Aufstockung der Deichhöhe um einen weiteren Meter vornehmen zu können. Tatsächlich sind die Deiche mittlerweile so groß und schwer geworden, dass sie an vielen Küstenabschnitten durch das Eigengewicht langsam versinken. Daher werden mittlerweile Fließe, riesige Plastikwabenteppiche und sogar tief in den Untergrund getriebene sandgefüllte Säulen verwendet, um einen tragfähigen Baugrund zu erhalten.

Abb. 2: a)Historische Deichprofile von der Renaissance bis heute  -  b) Freigespülter Marschsockel an der Nordseite von Föhr vor dem Deichfuß  -  c) Ausbesserungen am Deichfuß nach einer Sturmflut  -  d) Aufnahme einer Warftdeicherhöhung auf Langeness 2006

Da es zwei Küstenformen gibt, die durch das Meer geschaffene Sandküste mit den Düneninseln und die Marschküste, gibt es auch Unterschiede in den Küstenschutzmaßnahmen.
Grundsätzlich soll die Ansammlung von mehr 'Land' unterstützt werden, die Sedimentation. Dünen werden durch Kieferngestrüpp und Anpflanzungen 'beruhigt'.
Das Marschland wurde ebenso durch das Meer aufgebaut, es ist letztlich ausgesüßter Schlick. Dieses Land liegt in der Regel nur knapp über dem Meeresspiegel (in Holland auch häufig darunter) - es kann auch nicht durch den Wind zu Dünen aufgeweht werden, so dass der Mensch eine Küstenbefestigung vornehmen muss - Deiche bauen. Als Schutz vor den Deichen und um neues Land zu gewinnen wird der Sedimentationsprozess im Vorland künstlich unterstützt.
Lahnungen, "Zäune" aus einer Doppelpfahlreihe, zwischen die grobes Gestrüpp gestopft und mit Draht befestigt wird, werden in regelmäßigen Abständen in das Vorland gebaut und mit Querriegeln schließlich in rechteckige Flächen unterteilt. Das führt zur Beruhigung der Wasserbewegung, damit können im Meer vorhandene Sedimente besser absinken. Ein dazu passendes symmetrisches System von Gräben (Grüppen) entwässert das Gebiet. Jahr um Jahr wächst das Land so in die Höhe, bis sich ab einer bestimmten Zeit des Trockenliegens die ersten Pionierpflanzen ansiedeln.

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